Während visuelle Elemente oft im Mittelpunkt der Filmanalyse stehen, wird die Bedeutung des Tons häufig unterschätzt. Dabei hat der Ton die Fähigkeit, Emotionen auf einer fast unterbewussten Ebene zu manipulieren und kann eine Szene komplett transformieren. Ein gut gestaltetes Sounddesign arbeitet Hand in Hand mit der visuellen Ebene und verstärkt die emotionale Wirkung um ein Vielfaches.
Der bekannte Filmemacher George Lucas sagte einmal: “Sound is half the experience” und genau das trifft den Kern. Studien zeigen, dass das menschliche Gehirn auditiven Reizen eine höhere emotionale Priorität einräumt als visuellen. Ein erschreckendes Geräusch lässt uns zusammenzucken, bevor wir überhaupt verstehen, was wir sehen. (vgl. Sonnenschein 2001, S. 12)
Die Ebenen des Filmtons
Der Filmton teilt sich grundsätzlich in drei Hauptkategorien auf: Dialoge, Soundeffekte und Musik. Während Dialoge die Geschichte vorantreiben und Informationen vermitteln, kreieren Soundeffekte die Realität der Filmwelt. Die Musik hingegen fungiert als emotionaler Kompass für das Publikum. (vgl. Flückiger 2001, S. 23)
Besonders interessant ist der Einsatz von diegetischem und non-diegetischem Sound. Diegetischer Sound existiert innerhalb der Filmwelt – die Charaktere können ihn hören. Non-diegetischer Sound, wie die meiste Filmmusik, existiert nur für das Publikum. Diese Unterscheidung ermöglicht es Filmemachern, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu kommunizieren. (vgl. Bordwell/Thompson 2017, S. 284)
Stille als mächtiges Werkzeug
Paradoxerweise ist eines der mächtigsten Werkzeuge im Sounddesign die Stille. In “A Quiet Place” wird Stille nicht nur zum narrativen Element, sondern zum Spannungserzeuger par excellence. Die seltenen Geräusche werden dadurch umso bedeutsamer und erschreckender. Die bewusste Abwesenheit von Sound zwingt die Zuschauerschaft, sich auf jedes kleine Detail zu konzentrieren. (vgl. Kerins 2011, S. 91)
Auch in “No Country for Old Men” verzichteten die Coen Brothers bewusst auf einen traditionellen Soundtrack. Stattdessen verstärken sie die Realität durch alltägliche Geräusche – das Knarren einer Tür, Schritte auf Holz, der Wind. Diese Entscheidung macht den Film beklemmender und realistischer zugleich. (vgl. ebda.)
Sounddesign als emotionaler Verstärker
Sounddesign kann Emotionen verstärken, die visuell bereits angelegt sind, oder komplett neue emotionale Ebenen hinzufügen. In “Dunkirk” nutzt Hans Zimmer einen kontinuierlich steigenden Shepard-Ton – eine akustische Illusion, die endlos aufzusteigen scheint. Dies erzeugt konstante Spannung und Unbehagen, selbst in ruhigeren Szenen. Die Zuschauerschaft kann physisch nicht entspannen, was perfekt zur verzweifelten Situation der Soldaten passt. (vgl. Kulezic-Wilson 2020, S. 156)
Der Bass spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Tiefe Frequenzen, die wir eher fühlen als hören, können instinktive Angst auslösen. In Horrorfilmen werden oft Infraschall-Frequenzen eingesetzt, die beim Menschen Unbehagen und sogar Panik auslösen können, ohne dass die Quelle bewusst wahrgenommen wird. (vgl. Whittington 2007, S. 178)
Der Kuleshov-Effekt des Tons
Ähnlich wie beim visuellen Kuleshov-Effekt kann der gleiche Sound in verschiedenen Kontexten völlig unterschiedliche Emotionen auslösen. Ein Kinderlachen kann in einer fröhlichen Szene Freude vermitteln, während dasselbe Lachen in einem verlassenen Gebäude pure Angst erzeugt. Dies zeigt, wie stark Sound von seinem Kontext abhängig ist und wie manipulativ er eingesetzt werden kann. (vgl. Chion 2009, S. 67)
Schlussendlich ist der Ton im Film weit mehr als nur eine Begleitung zum Bild. Er ist ein essentielles Werkzeug zur emotionalen Manipulation und kann die Wahrnehmung der Zuschauerschaft fundamental beeinflussen. Ein Film ohne durchdachtes Sounddesign verliert die Hälfte seiner emotionalen Kraft.
Sonnenschein, David (2001): Sound Design. The Expressive Power of Music, Voice and Sound Effects in Cinema. Studio City: Michael Wiese Productions.
Flückiger, Barbara (2001): Sound Design. Die virtuelle Klangwelt des Films. Marburg: Schüren Verlag.
Bordwell, David/Thompson, Kristin (2017): Film Art. An Introduction. New York: McGraw-Hill Education.
Kerins, Mark (2011): Beyond Dolby (Stereo). Cinema in the Digital Sound Age. Bloomington: Indiana University Press.
Kulezic-Wilson, Danijela (2020): Sound Design is the New Score. Theory, Aesthetics, and Erotics of the Integrated Soundtrack. Oxford: Oxford University Press.
Whittington, William (2007): Sound Design and Science Fiction. Austin: University of Texas Press.
Chion, Michel (2009): Film, a Sound Art. New York: Columbia University Press.