#6 Katharsis – Das Geheimnis jeder guten Geschichte

Eine gut geschriebene und emotionale Geschichte kann man klischeehaft unter anderem metaphorisch in das gespannte Einatmen sowie das erleichternde Ausatmen des Publikums einteilen. Dabei steht das Einatmen für die Aufregung im Zuschauer und der Zuschauerin die kurz vor dem finalen Höhepunkt am stärksten auftritt und das Ausatmen für einen Begriff, der das Geheimnis jeder guten Geschichte ausmachen soll – der Katharsis. (vgl. Deguzman 2025)

Katharsis stammt aus dem alten Griechenland und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Reinigung. Definiert wurde er von dem griechischem Philosophen Aristoteles und bedeutet je nach dem Einsatzbereich teilweise etwas leicht Verschiedenes. So steht der Begriff in den Literaturwissenschaften für die Reinigung der Seele während in der Psychologie Katharsis für aufgestaute Emotionen steht, die schlussendlich freigesetzt werden und man sich von dieser Last befreit. Weiteres soll die Katharsis laut Aristoteles im Publikum eine Tragödie auslösen, ähnlich zu dem Konzept der aristotelischen Poetik. (vgl. Studyflix o.J.)

In anderen Worten ist die Katharsis nach Aristoteles das zu erreichendes Ziel jeder Tragödie. Um dies zu erreichen werden teils dramatische Darstellungen gewählt. Dabei werden Emotionen aber auch Menschliche Schwächen und Fehler der Charaktere hervorgehoben um das Publikum diese Gefühle, aber auch selbst in die Situation interpretierte Gefühle, intensiv durchleben zu lassen. Schlussendlich soll dieses Durchleben den Zuschauer und die Zuschauerin lehren, spirituell reinigen aber auch den Verstand und die Akzeptanz rund um moralischer und ethischer Prinzipien zu erhöhen. (vgl. Hulatt 2024)

Zum Beispiel kann die Katharsis das zuvor erwähnte lehren und reinigen durch die Emotionen Furcht und Mitleid einfach erzielen: Wenn es eine Geschichte und ihre Charaktere schaffen Furcht und Mitleid im Publikum auszulösen, haben die Zuschauer und Zuschauerinnen Angst, die gleichen oder ähnliche Fehler wie der Charakter zu begehen, die den Charakter in der Geschichte zu einem Unglück leitet, das extremes Mitleid in der Zuschauerschaft auslöst. Somit würde das Publikum im Optimalfall von dieser Geschichte gereinigt und vor allem gelehrt werden. (vgl. ebda.)

Natürlich ist die Katharsis eine sehr subjektive Eigenschaft, die von jeder Person anders interpretiert werden kann. Jedoch kann man übergreifend sagen, dass die meisten Menschen bei den folgenden Beispielen das gleiche empfinden. Die Katharsis gibt es nämlich natürlich auch in narrativen Filmen. Hierbei wird sie als Freisetzung emotionaler Reaktionen am Ende einer Geschichte beschrieben. Dabei muss es sich jedoch nicht um eine Tragödie handeln, auch wenn das der klassische Einsatzbereich einer Katharsis ist. In Tragödien unterscheidet Aristoteles vier verschiedene Arten, die alle eine unterschiedlich starke Wirkung haben:

  • Bewusst und gestoppte Taten: Diese Option ist laut Aristoteles die am wenigsten Wirkung mit sich bringt. Hierbei weiß der Charakter genau, was er tut und was die Konsequenzen sein werden und macht es schlussendlich auch nicht. Er stoppt. Die Zuschauerschaft erfährt eine kleine Erleichterung jedoch handelt es sich in solcher Situation um leere Drohungen, die das Erlebnis verkleinern.
  • Bewusst und durchgeführte Taten: Hier weiß der Charakter ebenfalls, was er falsch macht, und ist seinen Konsequenzen bewusst, macht es aber trotzdem. 
  • Unbewusst und durchgeführte Taten: Der Charakter durchschaut die Handlung ist sich jedoch nicht über die Konsequenzen bewusst. Zum Beispiel im Film Oppenheimer führt der gleichnamige Darsteller seine Handlungen bewusst und ohne böse Absichten durch, weiß jedoch nicht was die Konsequenzen der Erschaffung der Atombombe mit sich bringt. In dem Moment als er sich dessen bewusst wird entsteht Katharsis im Publikum, da dieses zutiefst mit ihm fühlt. 
  • Unbewusst und gestoppte Taten: Der Charakter weiß nicht, dass er gleich was Schlimmes begeht, aber stoppt sich im letzten Moment selbst. Diese Option bietet die größte Katharsis, da der Charakter selbst Raum und einen Moment für eine eigene Reflexion hat. In Batman vs. Superman stoppt Batman im letzten Moment Superman zu töten, da dieser den Namen der Mutter von Batman erwähnt. In der kurzen Denkpause, indem Batman sich selbst reflektiert, entsteht eine große Katharsis, da der Zuschauer und die Zuschauerin von der Menge an Emotionen und Aufregung entkommen können.

(vgl. Deguzman 2025)

Eine andere Art der Katharsis ist das Ende mit Triumph beziehungsweise ein Happy End. Um in dieser Situation Katharsis zu erzählen, ist nur die Auflösung der zentralen Spannung der Geschichte notwendig. So ist in When Harry met Sally die klare Spannung der Geschichte die benötigte Überwindung der Freundschaft zwischen Harry und Sally, um endlich ein Liebespaar zu werden. Als sie das zum Schluss schaffen, löst das auch Katharsis im Publikum aus, da die Zuschauerschaft ein höchst emotionales Ende miterlebt.  

Ein tragisches Ende kann mithilfe von Katharsis ebenfalls in ein triumphales Ende umgewandelt werden. In Gladiator ist das Ende aufgrund des Todes von Maximus sehr tragisch, der Film zeigt jedoch, dass er erst jetzt seinen Frieden gefunden hat und wieder metaphorisch wieder zu seiner Familie kann. Auch hier erleben die Zuschauer und Zuschauerinnen ein sehr starkes emotionales Ende das somit auch Katharsis auslöst. 

Gewisse Reaktionen von den Charakteren auch können die Katharsis jedoch auch erschweren oder sogar fehlend erscheinen lassen. So sollte am Ende von Schindlers Liste die objektive Stimmung eigentlich den Umständen entsprechend gut sein, dass Schinder so viele Menschen gerettet hat, jedoch wird an seiner emotionalen und selbst vorwerfenden Reaktion bewusst, dass diese Rettung aufs große gesehen viel zu wenig war. Die Katharsis also die emotionale Entladung das alles gut gegangen ist und so viele Menschen gerettet worden sind kann für das Publikum somit gar nicht stattfinden, da durch den Dialog noch viel mehr Sorgen und Emotionen dazu kommen. (vgl. ebda.)

Schlussendlich zeigt aber auch genau das Beispiel von Schindlers Liste das Katharsis dem Publikum Emotionen lehrt, die sonst nicht typisch sind. Deswegen kann die Katharsis wie nach Aristoteles auch Menschen lehren und dazu bewegen, dass Geschichten wie Schindlers Liste nie wieder passieren.


Deguzman, Kyle (13.01.2025): What is Catharsis. Definition & Examples for Storytellers. In: StudioBinder, https://www.studiobinder.com/blog/what-is-catharsis-definition/ (zuletzt aufgerufen am 31.10.2025)

Studyflix (o.J.): Katharsis. In: Studyfix, https://studyflix.de/deutsch/katharsis-7061 (zuletzt aufgerufen am 31.10.2025)

Hulatt, Lily (06.08.2024): Katharsis. In: StudySmart, https://www.studysmarter.de/schule/griechisch/griechische-dichter-und-dramatiker/katharsis/ (zuletzt aufgerufen am 31.10.2025)

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