Reißerischer Titel, ich weiß. Worum geht es in diesem Blogeintrag?
Wie bereits mehrmals in meinen anderen Blogbeitragen erwähnt lernt es sich besser, wenn man den Lernstoff mit Emotionen verbinden kann. Das Prinzip wollte ich weiter erforschen. Hierfür habe ich mir ein paar Erklärvideos angeschaut und diese nach ihrem emotionalen, sowie wissenschaftlichen Faktor bewertet.
Doch warum lernen wir besser mit Emotionen? Und ist das wirklich immer von Vorteil?
Jetzt wird’s scientific
Die Neurowissenschaft hat schon längst bewiesen, dass Emotionen unser Gehirn beeinflussen und in diesem Zuge auch das Lernverhalten beeinflusst. Der präfrontale Kortex – das ist die Hirnregion, die für die Emotionsregulation, das Arbeitsgedächtnis, die Planung ua verantwortlich ist – sowie andere Hirnregionen werden aktiviert, je nach Emotion, die wir erleben. Sprich: Sind wir ängstlich wird eine andere Region aktiviert, als wenn wir Freude empfinden. All diese Bereiche sind an der Regulation von Emotionen, jedoch auch an der Entscheidungsfindung und dem Gedächtnis beteiligt. Die Amygdala (ganz wichtig für emotionale Aktivität) ist ganz eng verknüpft mit dem Hippocampus, der besonders wichtig für das Abspeichern von Erinnerungen ist. Diese eng miteinander verknüpften Hirnstrukturen führen also dazu, dass Emotionen und Lernen in einer totalen Abhängigkeit zueinanderstehen. Werden Emotionen getriggert, werden Erinnerungen erzeugt. [1]
Die „University of Wollongong Australia” veröffentlicht einen Artikel über „Affective learning“ [2] (affective = affektiv, gefühlsbetont lt. PONS.com). Affective learning beschreibt einen Lernprozess, bei dem Wissen durch emotionales Engagement gewonnen wird. Affective learning schafft eine Lernumgebung, in der positive Emotionen wachsen, wie Neugierde oder Enthusiasmus, wodurch größere Lernerfolge entstehen. [2] Für Designer:innen wie mich ist dies eine gute Nachricht: Möchten wir Wissen verbreiten, so haben wir nicht bloß Visuals und Interfaces zu gestalten, sondern ein emotionales Erlebnis.
Doch… ist emotionales Lernen wirklich IMMER besser?
Um besser zu veranschaulichen, was ich damit meine, habe ich mehrere Erklärvideos herausgesucht. Manche davon sind eher trocken gehalten und erklären das Notwendigste, manche davon arbeiten bewusst mit emotionalen Erzählstrukturen. Ich habe mich, ohne weitere Begründung, für das Thema Immunsystem des menschlichen Körpers entschieden und die erstbesten Vorschläge auf YouTube angeschaut, ohne weitere Auswahlkriterien.
Video 1:
Zero To Finals (30.12.2017): Understanding the Cells of the Immune System
Dieses Video ist eine klassische Whiteboard Animation. Die Betrachter:innen beobachten den „Lehrer“ beim Zeichnen, während ein Voiceover die Inhalte weiter erklärt. Dadurch ist es leicht den Informationen zu folgen. Die Stimme des Lehrers ist emotional wenig aufgeladen, eher recht faktisch. Generell ist das ganze Skript sehr faktisch. Die Erklärungen sind klar und leicht verständlich, jedoch unspannend. Dies ist ein klassisches Video, das sich Schüler:innen ansehen, die für die nächste Prüfung lernen. Es ist nicht für Unterhaltungszwecke gedacht.
Meine Bewertung:
1/5 Emotionaler Faktor
5/5 Wissenschaftlicher Faktor
Video 2:
CrashCourse (08.12.2015): Immune System, Part 1: Crash Course Anatomy & Physiology #45
Dieses Video ist eine Kombination aus Live Action und 2D Animation. Der Erzähler sitzt in einem „Klassenraum“ und spricht direkt zum Publikum. Einige seiner Erklärungen werden durch 2D Animationen ergänzt. Diese Animationen sind recht bunt, Zellen werden mit Gesichtern dargestellt. Die „bösen“ Zellen haben fiese Gesichtsausdrücke, die „guten“ Zellen schauen freundlich drein. Hier soll ein emotionaler Bezug zu den Visuals hergestellt werden. Kombiniert mit dem teilweise sehr reißerischem Erklär-Stil des Lehrers wirkt das gesamte Video emotional sehr aufgeladen. Erklärungen sind voll mit kleinen Storytelling-Elementen. Es werden viele beschreibende Adjektive verwendet. All das regt Emotionen an. Ein Beispielsatz aus dem Video zur Veranschaulichung:
„Like a wall around a fortress, your skin does a fantastic job of keeping out all manner of malevolent microorganisms.”
Hintergrundmusik und Soundeffekte tragen auch stark dazu bei.
Ich muss in meiner Bewertung jedoch Punkte beim Lern Faktor abziehen. Das Video ist sehr unterhaltsam und legt wert auf viele Visuals und Storytelling-Elemente. Diese lenken jedoch ab und an von den wissenschaftlichen Fakten ab. Das rasante Erklärtempo macht es einen fast unmöglich sich jede Information zu merken. Dieses Video ist mehr dafür geschaffen zu unterhalten und Basiswissen zu verbreiten, als dass Schüler:innen oder Studierende damit für eine Prüfung lernen könnten.
Meine Bewertung:
4/5 Emotionaler Faktor
2/5 Wissenschaftlicher Faktor
Video 3:
Dinge Erklärt – Kurzgesagt (15.08.2021): Das Immunsystem erklärt
Videos von Kurzgesagt arbeiten mit viel Storytelling, sei es in der 2D Animation, dem Sprechertext, der Sprecherstimme oder der Hintergrundmusik. Im Video „Das Immunsystem erklärt“ wird die Immunabwehr dramatisiert. Anstatt dass Zellen „abgebaut“ werden, wie man in der Zellbiologie darüber spricht, werden hier Zellen „getötet“. Die Zellen des Immunsystems werden als Soldaten, Geheimagenten und Selbstmordbomber bezeichnet. Die Immunabwehr ist ein dramatischer Kampf um Leben und Tod, Zellen „opfern“ sich für das Überleben anderer Zellen.
Das Video ist damit höchst unterhaltsam und erzählt eine äußerst emotionale Geschichte. Der:die Betrachter:in fiebert mit den kleinen Soldaten-Zellen in ihrem Kampf gegen die „bösen“ Bakterien mit.
Faktisch lässt das Video dabei jedoch nach. In den anderen Videos werden komplexe Bezeichnungen eingeblendet, das fehlt hier vollkommen.
Meine Bewertung:
5/5 Emotionaler Faktor
1/5 Wissenschaftlicher Faktor
So, das war jetzt viel Analyse, was haben wir daraus gelernt?
Die Videos haben gezeigt: Emotion kommt vor allem durch Storytelling. Und je mehr Storytelling, desto unterhaltsamer war das Video. Ich habe jetzt keinen Prä- und Post-Wissenstest gemacht, nehme jedoch an, dass der Unterhaltungs-Faktor mit dem Erinnerungs-Faktor zusammenhängt. Was mir jedoch auffiel: Je unterhaltsamer die Videos, desto weniger Fokus lag auf dem eigentlichen wissenschaftlichen Inhalt. Hier müsste man ebenfalls Prä- und Post-Wissenstests durchführen, doch ich nehme an, dass all das Storytelling oftmals vom eigentlichen Lerninhalt ablenken kann.
Erstellt man also ein Erklärvideo, muss man sich dafür entscheiden, was man damit erzielen will: Soll dieses Video der Unterhaltung dienen, oder soll das Video Schüler:innen und Studierenden als Lernhilfe für den nächsten Test dienen? Geht man zu weit in die Richtung der Unterhaltung, geht der Fokus auf die Fakten verloren. Geht man zu weit in die Richtung der Fakten, wird das Video langweilig.
Ich denke nicht, dass es unmöglich ist ein Lernvideo zu erstellen, das sowohl unterhaltsam als auch höchst faktisch ist, doch es bedarf viel Fingerspitzengefühl den Fokus nicht zu verlieren und auf eine der beiden Seiten zu schwappen.
Quellen:
- Silva, Clarice Gomes da/ Nóbrega, Manassés Pereira: A neuroscientific approach to the importance of emotions for the meaningful learning process In: Navigating through the knowledge of education. o.O.: Seven Editora 2024, S. 690-702
- Nepal, Rabindra/Mahadeo, Jyoti Devi(10.10.2023): Using affective learning to foster engagement and critical thinking. In: University of Wollongong, https://www.uow.edu.au/media/2023/using-affective-learning-to-foster-engagement-and-critical-thinking.php (zuletzt abgerufen am 21.01.2026)