In diesem Post bin ich nochmal Werg von meiner Idee von einem MR Awareness Tool und habe mir nochmal mehr generell zu Neurodivergenz, Design und Hürden angeschaut.
Hast du schon mal versucht, ein Android-Ladegerät in ein iPhone zu stecken? Es passt einfach nicht. Nicht, weil das Kabel kaputt ist oder das Handy einen Defekt hat, sie nutzen einfach unterschiedliche Protokolle. Genau so fühlt sich Kommunikation oft an, wenn neurotypische und neurodivergente Welten aufeinandertreffen. Lange Zeit galt in der Psychologie das Narrativ, dass neurodivergente Menschen (besonders Autist:innen) ein „Defizit“ in der sozialen Interaktion hätten. Man ging davon aus, dass sie soziale Signale einfach nicht „richtig“ lesen können. Aber was, wenn das nur die halbe Wahrheit ist?
Der Soziologe Damian Milton stellte 2012 eine revolutionäre Theorie auf: das Double Empathy Problem. Er argumentiert, dass soziale Schwierigkeiten nicht einseitig bei der neurodivergenten Person liegen, sondern im Zwischenraum entstehen. Wenn zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen neurologischen „Betriebssystemen“ kommunizieren, entstehen Missverständnisse auf beiden Seiten.
Die Illusion der „richtigen“ Intuition
In der Design-Welt ist es immer super wichtig, dass alles intuitiv ist. Wir wollen Interfaces bauen, die man „einfach so“ versteht. Doch hier liegt die Falle: Intuition ist kein biologisches Gesetz. Sie ist das Ergebnis von kulturellen Erfahrungen und von der Art, wie unser Gehirn Reize filtert.
Für ein neurotypisches Gehirn ist es oft „intuitiv“, zwischen den Zeilen zu lesen, Ironie an der Tonlage zu erkennen oder vage Anweisungen durch den Kontext zu ergänzen. Für ein neurodivergentes Gehirn, das Informationen oft bottom-up (also detailfokussiert statt kontextfokussiert) verarbeitet, ist diese Art der Kommunikation nicht intuitiv, sondern ein Ratespiel. Das Double Empathy Problem zeigt uns also Neurotypische Menschen sind oft genauso schlecht darin, die direkten, detailreichen und logikfokussierten Kommunikationsmuster von Neurodivergenten Menschen zu verstehen. Die Empathielosigkeit ist also beidseitig, nur dass die neurotypische Seite ihren Stil als „Standard“ definieren darf. Und alles andere kann dann als “Problem” dargestellt werden.
Design als Dolmetscher: Brücken statt Barrieren
Wenn wir als Designer:innen verstehen, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist, verändert das unsere Arbeit grundlegend. Wir hören auf, User „erziehen“ zu wollen, und fangen an, Brücken zu bauen. Hier sind drei Ansätze, wie wir das Double Empathy Problem im Design lösen können:
1. Explizitheit schlägt implizite Erwartungen
Vermeidung von „Mystery Meat Navigation“: also Icons oder Buttons, deren Funktion man erst durch Raten oder Drüberfahren mit der Maus versteht. Ein inklusives Interface sagt genau, was es tut.
- Beispiel: Statt eines vagen „Absenden“-Buttons, der je nach Kontext etwas anderes tut, nutzen wir „Anfrage jetzt zahlungspflichtig abschicken“.
- Warum? Es reduziert die kognitive Last der Interpretation. Wenn das System klar und direkt kommuniziert, muss das Gehirn keine Energie für das „Deuten“ von Absichten verschwenden.
2. Multimodalität: Die Freiheit der Wahl
Manche Menschen brauchen das geschriebene Wort, um Informationen in ihrem eigenen Tempo zu verarbeiten. Andere brauchen visuelle Roadmaps, um den Prozess zu verstehen. Ein Interface, das nur auf einen Kanal setzt, schließt automatisch Menschen aus. Inklusion im Webdesign bietet deshalb oft „Easy-Read“ Versionen oder klare visuelle Marker parallel zu Texten an. Das Ziel ist es, dem User die Wahl zu lassen, wie er die Information empfangen möchte.
3. Vorhersehbarkeit
Ein großer Stressfaktor in der Kommunikation ist das Unvorhersehbare. Was meint sie damit? Warum kommt keine Antwort? Im Interface-Design können wir diesen Stress durch Feedback-Loops abfangen. Jede Aktion braucht eine sofortige, eindeutige Reaktion des Systems. Wenn ein Prozess länger dauert, brauchen wir keine vage Ladeanimation, sondern eine klare Fortschrittsanzeige: „Schritt 2 von 4: Wir prüfen deine Daten.“
Warum uns das alle besser macht
Das Spannende ist: Wenn wir für das Double Empathy Problem designen, profitieren alle. Wer mag schon unklare Anweisungen oder versteckte Menüs? Inklusion bedeutet hier, dass es mehr als nur einen „richtigen“ Weg gibt, Informationen zu verarbeiten.
Design sollte nicht der Filter sein, der bestimmt, wer „reinpasst“, sondern das Werkzeug, das Vielfalt ermöglicht. Wenn wir Interfaces bauen, die explizit, multimodal und vorhersehbar sind, senken wir die Barrieren für alle, egal, welches Betriebssystem im Kopf gerade läuft.
Quellen & Referenzen
- Milton, D. E. (2012): On the ontological status of autism: the ‘double empathy’ problem. In: Disability & Society, 27(6).
- Crompton, C. J., et al. (2020): Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective.
- Reframing Autism (2023): Double Empathy Problem Explained. Eine großartige Ressource für die praktische Anwendung des Konzepts.
- Gernsbacher, M. A., & Yergeau, M. (2019): Empirical Failures of the Claim That Autistic People Lack a Theory of Mind.
Note: This text was developed with the assistance of artificial intelligence for research purposes and to refine the linguistic clarity and flow of the final draft.