Um mal weg von der digitalen Welt zu kommen und in ein anderes Medium, denn Design geht weit über Interfaces hinaus. Wenn Unternehmen über Inklusion sprechen, landen sie oft schnell bei der Inneneinrichtung. Da stehen dann ergonomische Stühle, bunte Sitzsäcke in der „Chill Area“ und vielleicht gibt es einen Obstkorb. Versteh mich nicht falsch: Ein schönes Büro ist toll und ergonimische Stühle helfen sicher auch bei Rückenproblemen. Aber für einen Menschen mit ADHS, Autismus oder Legasthenie löst ein Sitzsack wenige Probleme, wenn die eigentliche Arbeitsstruktur, die „mentale Architektur“ des Unternehmens, exklusiv auf neurotypische Standardgehirne ausgelegt ist.
Echte neuro-inklusive Unternehmenskultur bedeutet, den Workflow als Service zu begreifen. Es geht darum, Barrieren abzubauen, die oft so tief im System verankert sind, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Wir müssen weg vom Anpassungszwang des Einzelnen hin zu einer Infrastruktur, die vielfältig ist.
Der Albtraum des „Standard-Büros“
Der klassische 9-to-5-Tag im Großraumbüro ist für viele neurodivergente Menschen eine massive Belastungsprobe. Warum? Weil er zwei Dinge gleichzeitig verlangt: maximale soziale Performance und maximale kognitive Konzentration unter vielen sensorischen Bedingungen.
Stell dir vor, du versuchst eine komplexe Code-Zeile zu schreiben oder einen Text zu entwerfen, während neben dir drei Leute über das Wochenende reden, das Telefon klingelt und die Neonröhren über dir in einer Frequenz flackern, die du zwar nicht bewusst siehst, die dein Gehirn aber permanent unter Stress setzt. Für ein neurotypisches Gehirn ist das „Hintergrundrauschen“. Für ein Gehirn mit sensorischen Verarbeitungsbesonderheiten ist das quasi Schwierigkeitslevel 1000 und geht dazu noch auf die Exekutivfunktionen. Jede Ablenkung kostet nicht nur fünf Minuten, sondern oft den gesamten „Flow“, den wir mühsam aufgebaut haben. Es ist viel anstrengeder sich zu konzentrieren, es kostet viel mehr Energie und einmal aus dem “Flow” draußen, fällt es schwer wieder reinzukommen.
Was brauch man für einen neuro-inklusiven Workflow?
Um das zu ändern, müssen wir nicht das gesamte Büro umbauen, sondern die Art, wie wir zusammenarbeiten.
1. Asynchronität Kommunikation
Der größte Feind des ADHS-Hyperfokus ist der Satz: „Hast du mal kurz eine Minute?“ In vielen Firmen gilt es als höflich, sofort zu antworten. Für neurodivergente Menschen ist das ein Produktivitätskiller. Ein inklusiver Workflow setzt auf asynchrone Kommunikation. Das bedeutet: Slack oder Teams funktionieren viel besser, denn Informationen werden so aufbereitet, dass man sie konsumieren kann, wenn das Gehirn gerade im Aufnahmemodus ist. Es gibt keine Erwartung einer sofortigen Antwort, außer bei echten Notfällen. Das gibt Menschen mit ADHS die Freiheit, in ihre tiefen Fokusphasen abzutauchen, ohne Angst zu haben, sozial als „unkooperativ“ zu gelten.
2. Body Doubling als Team-Feature
In meinem Post über ADHS habe ich das Prinzip des Body Doubling erwähnt, also die bloße Anwesenheit einer anderen Person, die uns hilft, bei der Sache zu bleiben. Warum nutzen wir das nicht aktiv im Arbeitsalltag? Unternehmen können „Focus-Rooms“ (virtuell oder physisch) anbieten. Das sind Sessions, in denen sich Leute treffen, kurz ihr Ziel für die nächste Stunde ansagen und dann einfach schweigend parallel arbeiten. Es gibt keinen sozialen Druck zur Interaktion, nur die gemeinsame Energie des Tuns. Das ist Service Design für die Exekutivfunktion.
3. Low-Stim-Zonen
Wenn wir über physische Räume reden, dann gerne auch strategisch, denn eine Idee für inklusive Büros sind klare Zonen. Eine „Low-Stim-Zone“ ist dabei kein Pausenraum, sondern ein Arbeitsraum, in dem absolute Stille herrscht, das Licht gedimmt ist und visuelle Reize minimiert sind. Gleichzeitig brauchen wir Regeln für die Erreichbarkeit. Dieses Mindset ständig erreichbar sein zu müssen, während seiner Arbetiszeit kann auch Druck ausüben. Ein „Do-not-disturb“-Status im Kalender sollte in der Unternehmenskultur so respektiert werden wie eine verschlossene Tür beim Vorstand. Inklusion bedeutet hier, das Bedürfnis nach Ruhe nicht als „Sonderwunsch“ abzutun, sondern zu akzeptieren.
Der „Curb-Cut-Effekt“: Warum alle profitieren
In der Stadtplanung gibt es das Konzept der Bordsteinabsenkungen (Curb Cuts). Sie wurden für Rollstuhlfahrer:innen gebaut. Aber wer nutzt sie heute? Menschen mit Kinderwagen, Reisende mit Koffern, Radfahrer:innen. Genau das passiert bei neuro-inklusivem Design am Arbeitsplatz. Wenn wir Meetings strukturierter gestalten, Informationen asynchron teilen und klare Fokuszeiten einführen, hilft das nicht nur den Neurodivergenten. Es hilft dem Elternteil, das nachts besser arbeiten kann. Es hilft der introvertierten Führungskraft, es hilft letztlich jedem, der in unserer überreizten Welt nach Konzentration sucht.
Fazit: Inklusion ist ein Wettbewerbsvorteil
Neurodivergente Menschen bringen oft außergewöhnliche Fähigkeiten in den Bereichen Mustererkennung, Kreativität und Problemlösung mit. Aber sie werden diese Fähigkeiten nur dort einsetzen, wo sie nicht die Hälfte ihrer Energie darauf verschwenden müssen, so zu tun, als hätten sie ein neurotypisches Gehirn. Auch in der Arbeitswelt kann viel neu designt werden, weg vom Standardmaß, hin zu einer Umgebung, die Flexibilität als Stärke begreift. Denn am Ende des Tages ist ein inklusives Unternehmen nicht nur „netter“, sondern schlichtweg innovativer und leistungsfähiger.
Quellen & Referenzen
- The Brain Charity (2024): Neurodivergent-friendly design transforms modern workplaces.
- CIPD (2024): Neurodiversity at work guide.
- Doyle, N. (2020): Neurodiversity at work: a biopsychosocial model and the impact on working lives. British Medical Bulletin.
- Austin, R. D., & Pisano, G. P. (2017): Neurodiversity as a Competitive Advantage.
Note: This text was developed with the assistance of artificial intelligence for research purposes and to refine the linguistic clarity and flow of the final draft.


