*6 Bilderbücher vorlesen oder erzählen?

Bilderbücher sind für Kinder ein wichtiger Einstieg in die Welt der Geschichten und Sprache, weil sie meistens nicht alleine, sondern gemeinsam mit Erwachsenen erlebt werden. Hier gibt es zwei Arten der Vermittlung: das Vorlesen und das Erzählen. Die beiden Methoden fördern das verstehende Zuhören. Am Beispiel des Kinderbuchs „Wo ist mein Hut“ von Jon Klassen wird deutlich, worin sich die beiden Ansätze unterscheiden. Beim Vorlesen wird der Text wortgetreu oftmals in Hochdeutsch wiedergegeben und durch das Zeigen der Bilder unterstützt. Das Erzählen hingegen erfolgt freier, lässt mehr Interpretationsraum und wird häufig in Mundart gestaltet. Im Kindergarten wird das Erzählen oft bevorzugt, weil es als weniger anspruchsvoll, kindgerechter und freier wahrgenommen wird.

Erzählen 

Der Begriff „Erzählen“ bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als einfaches wiedergeben oder aufzählen. Es ist das bewusste Erzählen von Geschichten mit klaren Kernaussagen, die zu einem Höhepunkt (Klimax) führen. Es zeichnet sich dadurch aus, dass sich die erzählende Person nicht beziehungsweise nur leicht an einer Vorlage orientiert und selbst über die Sprache, den Umfang, den Einsatz von Bildern sowie inhaltliche Erweiterungen beziehungsweise Kürzungen der Geschichten entscheidet. Eine klare, reduzierte und bewusst gewählte Sprache wirkt dabei meist stärker und stört die Spannung und Aussagekraft nicht. Aus diesem Grund wählen Erzähler:innen meist eine einfache und alltagsnahe Sprache.

Seit ungefähr 2010 sind textlose Bilderbücher, die sogenannten silent books, weit verbreitet. Diese laden Kinder dazu ein, Geschichten in Bildern zu entdecken und visuelle Eindrücke in eigene Worte zu übersetzen. Dadurch, dass diese Bücher sprachunabhängig sind, ermöglichen sie, dass Geschichten von allen verstanden und (vor)gelesen werden können. 

Damit eine gute Erzählung entsteht, braucht es eine genaue Vorbereitung, denn die Erzähler:innen müssen die Geschichte genau kennen und überlegen, wo es zu Kürzungen und Erweiterungen in der Geschichte kommen kann, wann und wie Bilder eingesetzt werden, wie die Zuhörenden eingebunden werden sowie in welcher Sprache (Mundart oder Hochdeutsch) erzählt wird. Beim Erzählen selbst können flexible und interaktive Elemente wie beispielsweise Figuren- oder Schattenspiele, Geräusche, Musik, Mimik und Gestik, Stimmeinsatz oder gezielte Pausen eingesetzt werden, um die Geschichte lebendig zu machen. Methoden wie Bilderbuchkino oder Kamishibai (Papier-Theater) unterstützten den Erzählprozess, ohne das gesprochene Wort aus dem Mittelpunkt zu drängen. 

Vorlesen 

Mit dem Vorlesen ist die wortgetreue Wiedergabe eines Textes gemeint. Autor:innen wählen ihre Formulierungen bewusst, sodass gewisse Abweichungen die Qualität verändern könnten. Eine Übersetzung in Mundart ist möglich, verändert jedoch die sprachliche Wirkung des Textes.

Gutes Vorlesen erfordert eine genaue Vorbereitung, damit die Geschichte frei und natürlich wirkt. Betonungen, Pausen, Stimmführung und Sprechtempo müssen hier gezielt eingesetzt werden, damit der Charakter der Geschichte erhalten bleibt. Der Vorlesende soll Figuren, Beziehungen, zentrale Ereignisse und die Grundstimmung gut kennen und sich mit der eigenen Meinung zum Text auseinandersetzen, da diese ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Zudem ist es hilfreich, Sachen im Text zu markieren, damit sich der Vorlesende währenddessen an die geplanten Betonungen und Gestaltungen erinnert.

Vorlesen vs. Erzählen 

Unabhängig davon, ob die Geschichte vorgelesen oder frei erzählt wird, eröffnen beide Methoden Kindern den Zugang zu realen Erfahrungen sowie fantasievollen Welten. Dadurch können sie mit den Figuren mitfühlen, Emotionen nachvollziehen und eigene Gedanken dazu entwickeln. Gleichzeitig stärken beide Methoden die Aufmerksamkeit, erweitern den Wortschatz und fördern den Wissensaufbau.

Seit den frühen 2000er-Jahren liegt der Fokus bei Bilderbüchern auf einer engen Bild-Text-Verknüpfung. Denn Bild und Wort sollten gleichzeitig wahrgenommen werden. Ein getrenntes zeigen oder nacherzählen der Bilder würde diese Verbindung aufheben und das Verständnis der Kinder beeinträchtigen.

Des Weiteren ermöglicht Literatur Kindern, wichtige Fragen zu reflektieren, verschiedene Perspektiven wahrzunehmen und so Empathie und Identitätsentwicklung zu fördern. Ob eine Geschichte vorgelesen oder erzählt wird, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, weil das Entscheidende ist, dass sie zum Mitfühlen, Nachdenken und Austausch angeregt werden. Gut erzählte oder vorgelesene Geschichten bieten ein interaktives Erlebnis, bleiben in Erinnerung und fördern die Fantasie. Sie unterscheiden sich dabei vor allem in der Sprache, denn beim Vorlesen wird der Originaltext übernommen, während beim Erzählen die Worte frei gewählt sind. 

Rychener Inge (2024):  Bilderbücher vorlesen doer erzählen?. In: ERG. https://www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/inge-rychener-bilderbuecher-vorlesen-oder-erzaehlen/ (zuletzt abgerufen am 5.1.2026)