Viele Kinder haben in ihrem Alltag keinen direkten Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigungen. Durch Kinderbücher kann eine erste indirekte Begegnung mit diesem Thema ermöglicht werden. Mit Hilfe von Geschichten setzen sich Kinder mit bestimmten Situationen beziehungsweise Verhaltensmustern auseinander, die ihnen bei einer späteren realen Begegnung Orientierung und Sicherheit bieten können.
Heutzutage gibt es schon einige Kinder- und Jugendbücher, die sich mit diesem Thema beschäftigen und unterschiedliche Beeinträchtigungen, ihre Ursachen, Vorurteile sowie den Umgang anderer Menschen damit ansprechen. So können diese Bücher bereits früh übermitteln, dass Beeinträchtigungen ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind. Studien zeigen, dass Kinderbücher, welche Beeinträchtigungen thematisieren, einen positiven Einfluss auf die Vorstellungen von Kindern haben können. Auf eine einfache und wirksame Art und Weise kann Wissen vermittelt, Informationen weitergegeben und Interesse an dem Thema geweckt werden. Jedoch müssen gewisse Punkte berücksichtigt werden, damit ein Buch diesen positiven Einfluss haben kann. Einerseits ist es wichtig über die Lebenssituationen der Menschen mit Beeinträchtigungen zu informieren aber andererseits sollen sich die Leser:innen in den Geschichten wiederfinden können. Zudem soll es altersgerecht und deutlich geschrieben werden, damit gezeigt wird dass Menschen mit Beeinträchtigungen viele gleiche Lebenserfahrungen sammeln.
In Kinderbüchern passiert es oft, dass die Darstellungen der Art der Beeinträchtigung nicht der Realität entsprechen, sondern sich häufig an medialen Abbildungen orientieren. Am häufigsten werden körperliche oder Sinnesbeeinträchtigungen thematisiert. Das kann man daraus leiten, weil sichtbare Beeinträchtigungen sich sowohl sprachlich als auch bildlich einfacher darstellen lassen als andere Beeinträchtigungen. Sehr viele werden daher gar nicht thematisiert, wie zum Beispiel schwerstbeeinträchtigte Menschen. Ein zentrales Problem in der Darstellung von Menschen mit Beeinträchtigungen in Büchern ist, dass sie oft eher klischeehaft dargestellt werden. Sie werden häufig als „Helden“ oder „Opfer“ beschrieben. Betroffene empfinden diese Darstellung als sehr kritisch, denn viele wollen weder bewundert noch bemitleidet werden, sondern als selbstverständlich und normal wahrgenommen werden. Denn sie agieren nicht wegen ihrer Beeinträchtigung sondern mit ihr.
In Kinder- und Jugendbüchern kann man bemerken, dass Beeinträchtigungen oft in ähnlichen, klischeehaften und wiederkehrenden Mustern dargestellt werden, welche zu einem übertriebenen und verzerrten Bild von Beeinträchtigungen führen:
- Das liebe/geduldige oder aggressive Klischee: Hier werden Menschen mit Beeinträchtigungen als entweder lieb und geduldig oder aggressiv und verbittert dargestellt. Diese vereinfachten Bilder können gefährlich sein, weil eine einzelne Figur oft alle Menschen mit Beeinträchtigungen repräsentiert.
- Der plötzliche Held: Dieses Klischee kommt in Büchern am meisten vor und beschreibt wie ein Kind mit Beeinträchtigung außergewöhnliche Sachen macht beziehungsweise Fähigkeiten hat, wodurch er oder sie Anerkennung bekommt. Das ist problematisch, weil der Eindruck entsteht, dass Kinder nur durch außergewöhnliche Taten wertgeschätzt werden.
- Die wundersame Heilung: Häufig werden Beeinträchtigungen durch magische oder unerklärliche Heilungen in Kinderbüchern gelöst. Das vermittelt aber unrealistische Vorstellungen und beschreibt die Beeinträchtigungen als eine Krankheit, die geheilt werden muss.
- Die Freundschaft zu einem Tier: Hier spielt ein Tier oft die Rolle des besten Freundes oder einen Ersatz für soziale Kontakte. Das wird manchmal sehr übertrieben eingesetzt.
- Das plötzliche Verschwinden: Dabei verlassen Kinder mit Beeinträchtigungen die gewohnte Umgebung, in der sie sich nicht verstanden fühlen, um später wieder zurückzukehren und festzustellen, dass sich alles geändert hat. Diese Handlung wirkt sehr unrealistisch.
- Das Erschaffen einer Fantasiewelt: Hier ziehen sich die Kinder in eine Traumwelt zurück, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Aussage, dass sie im realen Leben auch Zuneigung bauchen geht hier meistens verloren.
- Der Mensch mit Beeinträchtigungen in einer Nebenrolle: Wenn die Person mit Beeinträchtigung nicht als Hauptfigur beschrieben wird, dann wird sie oft als Nebenfigur dargestellt, welche von anderen Charakteren Hilfe bekommt.
Bei Büchern die Menschen mit Beeinträchtigungen thematisieren ist es sehr wichtig, dass die Figuren nicht verharmlost oder als Problem beschrieben werden. Zudem sollten sie auch nicht als eine Person mit außergewöhnlichen Fähigkeiten oder böse dargestellt werden, sondern als normale Kinder mit ihren Stärken und Schwächen. Zudem sollen Wunderheilungen und übertriebene Aktionen vermieden werden und normale Alltagssituationen beschrieben werden. Außerdem sollte eine Vielzahl von Beeinträchtigungen gezeigt werden und nicht nur auf eine einzige fokussiert werden. Dadurch können Leser:innen sich besser mit den Figuren identifizieren, sich in die Geschichte hineinfühlen und Vorurteile vergessen.
Die Bewertung von Kinder- und Jugendbüchern ist meistens sehr schwierig, weil sie von der subjektiven Einschätzung abhängt. Kinder können diese Bücher meist noch nicht selber bewerten weswegen Erwachsene diese Rolle für sie übernehmen müssen. Dabei kann man sich an verschiedene Aspekten orientieren, wie beispielsweise daran, was es einem Kind moralisch und pädagogisch lehrt, welche literarische Qualität das Buch hat und ob es altersgerecht ist.
Kock, Great Katharina: Menschen mit geistiger Behinderung als Thema in der Kinderliteratur. Über Behinderungen, Vorurteile und dessen Inszenierung in Büchern. Bachelorarbeit 2016, S. 26-34
Neumann, Ulrike: Geistiger Behinderung im Kinderbuch. Diplomarbeit. 2004, S. 38-42