Zwischen Tafel und TikTok

TikTok und Konsorten sind aus der modernen Medienwelt nicht mehr wegzudenken, besonders für Jugendliche, die im Social Media Zeitalter geboren wurden und aufwachsen. Dass dies aber nicht unbedingt viel positives mit sich bringt zeigt sich besonders in der Schule. Für meine Bachelorarbeit (Eine Ente erklärt die DNA) führte ich zwei Interviews mit Lehrpersonen des Gymnasiums Dreihackengasse durch. Viele Lehrpersonen stehen auf Kriegsfuß mit den sozialen Plattformen, denn die Aufmerksamkeit ihrer Schüler:innen leide darunter. Professor Harbich, Lehrer für Deutsch und Musikgeschichte, redet gar von einer maximalen Aufmerksamkeitsspanne von 5 Minuten. Jede Information, die er seinen Schüler:innen lehren will, muss kürzer sein, sonst wird ihm nicht mehr zugehört. Frau Professor Eisenberger, Lehrerin für Biologie und Physik, erwähnt außerdem die fehlende Motivation. Schüler:innen würden sich lieber über online Trends unterhalten, als über gesellschaftsrelevante Themen, wie Klimaschutz.

Damit Schüler:innen nicht während des Unterrichtes auf ihre Smartphones schauen wurden in der Dreihackengasse Schließfächer in die Klassenräume gestellt, in denen sämtliche vom Unterricht ablenkende Geräte eingesperrt werden. Das klassische „Alle Handys aus und in den Rucksack“ aus meiner Schulzeit würde nicht mehr funktionieren.

Die Droge Social Media

Einige Studien haben bereits die problematische/anhängige Nutzung von TikTok untersucht, so viele, dass es hierfür gar eine eigene Bezeichnung gibt: „problematic TikTok use“, kurz: PTU. Diese geht mit übermäßig langen Aufenthalten am Handy einher, sowie mit Kontrollverlust, Prokrastination und Vernachlässigung anderer Tätigkeiten. Diese Abhängigkeit kann zu psychischer Belastung und einem erhöhten Risiko für Depressivität führen. [1]

Dabei kann TikTok jedoch nicht nur verteufelt werden. Während Benutzer:innen mit negativen und schädlichen Inhalten konfrontiert werden, berichten einige jedoch auch von positiven Aspekten, besonders in Bezug auf die Verbreitung von kulturellem, didaktischem und künstlerischem Content. [2]

Ich stellte mir nun die Frage: Wie gut, in welcher Form und in welchem Ausmaß würde sich TikTok oder eine ähnliche Plattform zur Verbreitung von didaktischen Inhalten eignen?

Didaktisches TikTok???

TikTok ist eine der meistgenutzten Apps bei Erwachsenen, jedoch vor allem auch bei Jugendlichen und ist auf Kurzvideo-Content optimiert. Dabei ist die App höchste aufmerksamkeitsbindend, was sie für Lernzwecke attraktiv macht. Lerninhalte könnten in kurzen Wissenshäppchen präsentiert werden.

Eine Studie [3], die den didaktischen Einfluss von TikTok aus der Sicht von Schüler:innen beschreibt kommt zu dem Ergebnis, dass 89% der Studienteilnehmenden die App für Unterhaltungszwecke verwendet. Es wurde jedoch auch die Fähigkeit hervorgehoben didaktische Inhalte effektiv zu vermitteln, besser gar als andere Methoden. TikTok würde die Schüler:innen besser dazu animieren Neues zu lernen als andere Sociel Media Plattformen. TikTok könne dabei jedoch aufgrund des Fokusses auf Unterhaltung auch ablenkend wirken. TikTok hätte das Potential ein effektives Tool zum Wissenserwerb zu sein, müsste dafür jedoch umgestaltet werden.

Für Lehrpersonen und Mediendesigner:innen ist interessant, dass viele Schüler:innen TikTok sowieso schon täglich verwenden. Die Plattform ist also genau dort, wo die Zielgruppe schon ist. Ein weiterer Vorteil ist das Microlearning: Informationen lassen sich in kleine Häppchen von unter einer Minute zerlegen. So lässt sich ein komplexes Thema in mehrere Videos aufteilen, die immer wieder wiederholt werden. Diese Wiederholungen reduzieren die kognitive Belastung, weil je nur wenige Informationen auf einmal verarbeitet werden müssen. [4]

Eine Mixed-Method-Studie [4], in der Lehrpersonen TikTok-Content für ihre Schüler:innen gestalteten zeigte, dass ein großer Teil der Schüler:innen die Inhalte der Kurzvideos direkt im Unterricht einbauen konnten. Studienteilnehmende sprachen außerdem von einer verbesserten Lehrer:innen-Schüler:innen Beziehung, da sich Lehrpersonen durch die Videos persönlicher und nahbarer präsentierten und mehr auf Augenhöge mit den Schüler:innen kommunizierten.

Umsetzbarkeit und konkrete Einsatzszenarien

(basierend auf den bereits genannten Studien und [5])

  • Erklär-Clips: Ein Fachbegriff, ein Stoffwechselvorgang oder ein Zwischenschritt aus einer komplexen Rechnung wird in einem unter 60-Sekunden-Video erklärt. Idealerweise mit Beispielen und visuellen Elementen.
  • Microlearning: Ein umfassenderes Thema (z.B. Klimawandel, Gender Studies, geschichtliches Ereignis) wird in mehrere kurzen Clips aufgeteilt, die jeweils nur einen Aspekt behandeln. So würde eine Lern-Playlist entstehen.
  • Challenges: Lehrpersonen geben ihren Schüler:innen Aufgaben in Form von Challenges. So müssen Schüler:innen z.B. eigene Kurzvideos produzieren, in denen diese wissenschaftliche Inhalte erklären.
  • Reflexion: Durch auf TikTok oftmals verwendete „Duette“ oder die „Stitch“ Funktion können Schüler:innen über gelerntes reflektieren.

TikTok trägt viel Potential für Bildung in sich, müsste hierfür jedoch noch optimiert werden. Zusätzliche Funktionen wären notwendig, um Lerninhalte gezielter auffindbar zu machen und dass Schüler:innen nicht in die Falle des „Doomscrollings“ tappen. Für Lehrpersonen kann die App, wenn richtig eingesetzt, ein zusätzlicher Lern-Space sein. Wichtig ist es allemal die Interessen der eigenen Schüler:innen nachvollziehen zu können und diese gezielt einzusetzen.

Quellen:

  1. Conte, Giulia u.a.: Scrolling through adolescence: a systematic review of the impact of TikTok on adolescent mental health. In: Eur Child Adolesc Psychiatry 2025. 34(5). S. 1511-1527, <10.1007/s00787-024-02581-w> (zuletzt abgerufen am 06.01.2026)
  2. Caponnetto, Pasquale u.a.: Does TikTok Addiction exist? A qualitative study. In: Health Psychol Res 2025. 6;13:127796, <10.52965/001c.127796> (zuletzt abgerufen am 06.01.2026)
  3. Xavierine,Jane/Shanthi, Alice (2024): Evaluating TikTok’s Educational Impact: An Analysis of Student Perspectives. In: International Journal of Research and Innovation in Social Science (IJRISS), 8(10), S.1931-1945, https://doi.org/https://dx.doi.org/10.47772/IJRISS.2024.8100166 (zuletzt abgerufen am 06.01.2026)
  4. Nochumson, Talia (2025): Exploring TikTok’s role in K-12 education: A mixed-methods study of teachers’ professional use.In: Contemporary Issues in Technology and Teacher Education, 25(1), https://citejournal.org/volume-25/issue-1-25/current-practice/exploring-tiktoks-role-in-k-12-education-a-mixed-methods-study-of-teachers-professional-use (zuletzt abgerufen am 06.01.2026)
  5. Yang, Yang u.a. (29.09.2025). TikTok in higher education: a systematic review of disciplinary applications, learning outcomes, and implementation factors. In: Interactive Learning Environments, S. 1–21, https://doi.org/10.1080/10494820.2025.2564736 (zuletzt abgerufen am 06.01.2026)
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