Wie viel Storytelling verträgt Lernen?

Faktenbasiertes Lernen ist oftmals anstrengend und langweilig, besonders wenn es um striktes Auswendiglernen für den nächsten Test geht. Es gibt einige Strategien und Tools, die dafür eingesetzt werden können, Lernmaterialien interessanter aufzubereiten, damit sich die Inhalte

1. besser gemerkt werden und

2. der Lernprozess angenehmer ist.

In einem anderen Blogartikel schrieb ich bereits über den Einsatz von Humor. In diesem möchte ich auf didaktisches Storytelling eingehen.

Storytelling kann die Wissenschaftskommunikation enorm stärken, wenn die Geschichte exakt auf das Lernziel ausgerichtet ist. Wichtig dabei: Sie darf nicht ablenken. Solche Ablenkungen in Lernmaterialien, wie es auch Bilder, Hintergrundmusik oder ein Cartoon-Streifen sein können, nennt man auch „Seductive Details“. [1] Diese Details werden von Wissenschaftskommunikator:innen oftmals aus gutem Grunde eingesetzt: Um Aufmerksamkeit zu erregen. Jedoch lenken sie meist nur ab. Didaktisches Storytelling muss also mit Achtung gesetzt sein. Entscheidend für das Lernen ist also weniger das quantitative Storytelling, als wie eng Narrativ und Information aufeinander abgestimmt sind. [2]

Warum Storytelling in der Wissenschaft funktioniert

Die Geschichte ist eine der grundlegendsten Formen, in denen Menschen Erfahrungen habe und Wissen sammeln. [3] Schon seit Kindheit an kommunizieren wir mit Einsatz von Narrativen. Geschichten helfen dabei Ereignisse emotional, kausal und zeitlich zu verknüpfen, wodurch komplexe Informationen zugänglich gemacht werden können. [2]

Tatsächlich gibt es einige Studien über die positiven Auswirkungen von Narrativen auf das Lernen. Diese Studien zeigen, dass Narrative Formate

  • Interesse und Aufmerksamkeit steigern können. [4]
  • Verständnis und Einfühlung, sowie Merkleistung fördern. [3]
  • Soziale Normen, Einstellungen und Verhalten in Bezug auf medizinische Informationen beeinflussen können. [5 & 6]

Gibt es bei Storytelling ein „zu viel“?

Mayer beschreibt die „Cognitive Theory of Multimedia Learning” [7], die von einem verbalen und einem visuellen Kanal ausgeht, sowie einer begrenzten Kapazität aktiv Informationen zu verarbeiten. In der Wissenschaftskommunikation bedeutet das, dass zusätzliche Elemente, die nicht unbedingt zur Erklärung des Lernstoffes beitragen, eher kognitiv überlasten, als dass sie zum Lernen beitragen. (Siehe „Seductive Details“). Für Schüler:innen bedeutet das eine verschlechterte Verständnis von Zusammenhängen. Witzige Anekdoten, Nebenhandlungen oder irgendwelche Backstories in der Erzählung scheinen vielleicht interessant, können aber, wenn schlecht eingesetzt, total vom eigentlichen Lerninhalt ablenken. [1]

Im Kontext zu einem guten Erklärtext oder -video bedeutet das, dass Storytelling kein „Deko-Element“ sein darf. Jede Figur, Metapher, Nebenhandlung sollte eine klare Funktion haben und darauf abzielen, den Fachinhalt verständlich zu machen.

Der Leitfaden zu gutem Storytelling für Fachinhalte

Ich habe hier ein paar Tipps und Tricks aufgelistet, die dabei helfen können ein richtiges Gefühl für den Einsatz von Narrativen in der Wissenschaftskommunikation zu bekommen (basierend auf meinen bereits angeführten Quellen):

  1. Klare Hauptaussage: Gleich am Anfang der Geschichte wird eine Kernfrage in den Raum gestellt. Die Geschichte dreht sich um das beantworten dieser Frage und weicht davon nicht ab.
  2. Charaktere als Identifikationsfiguren: Charaktere nehmen die Perspektiven der Schüler:innen ein. Das macht Entscheidungen und Emotionen nachvollziehbar. Schüler:innen werden so selbst zum Teil der Geschichte und finden sich in der Rolle der lernenden Charaktere wieder.
  3. Konflikte, Probleme, Wendepunkte: Das macht eine gute Story einfach aus. Eine Hürde könnte z.B. durch neu erlangtes Wissen der Charaktere überwunden werden. Wichtig hierbei ist das Lernziel nicht aus den Augen zu verlieren.
  4. Reduktion von „Seductive Details“: Nicht zu viel Ablenkung schaffen. Sonst wird sich nur die Nebenhandlung gemerkt, nicht der eigentliche Inhalt.
  5. Zusammenarbeiten von Narrativ und Visualisierung: Bei simultaner Verwendung von Bildmaterial und Text (in geschriebener oder auditiver Form) sollten diese parallel eine Geschichte erzählen, nicht als Add-On dienen.

Zusammenfassend: Storytelling soll so viel wie möglich eingesetzt werden, da es Zusammenhänge sichtbar machen kann und auf Emotionen anspielt, die sich positiv auf Merkfähigkeit und Verständnis auswirken.

Quellenverzeichnis

  1. Malamed, Connie (o.D.): Watch Out For Those Seductive Details. In: The eLearning Coach, https://theelearningcoach.com/learning/seductive-details/ (zuletzt abgerufen am 04.01.2026)
  2. Norris, Stephen P. u.a. (01.06.2005): A Theoretical Framework for Narrative Explanation in Science. In: Wiley InterScience, <https://doi.org/10.1002/sce.20063> (zuletzt abgerufen am 04.01.2026)
  3. Hinyard, Leslie J./Kreuter, Matthew W.: Using narrative communication as a tool for health behavior change: a conceptual, theoretical, and empirical overview. In: Health Educ Behav. 2007 Oct;34(5):777-92. <doi: 10.1177/1090198106291963>
  4. Riedlinger, Michelle u.a. (2019): Telling stories in science communication: case studies of scholar-practitioner collaboration. In: JCOM 18(05), N01. <https://doi.org/10.22323/2.18050801> (zuletzt abgerufen am 04.01.2026)
  5. Moran, Meghan u.a.(2015): The Ability of Narrative Communication to Address Health-Related Social Norms. In: International Review of Social Research 2013, 3(2): S. 131–149.
  6. Bekalu, Mesfin A. u.a.: The relative persuasiveness of narrative versus non-narrative health messages in public health emergency communication: Evidence from a field experiment. In: Preventive Medicine 2018, Vol. 111, S. 284-290, https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2017.11.014.
  7. Mayer, Richard E.: Cognitive theory of multimedia learning. In: The Cambridge Handbook of Multimedia Learning, S. 85-139. Source: Kapitel als PDF-Auszug „Multimedia Learning“, chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://www.jsu.edu/online/faculty/MULTIMEDIA%20LEARNING%20by%20Richard%20E.%20Mayer.pdf (zuletzt abgerufen am 04.01.2026)

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