Warum Stilisierung nur ein Teil des Ganzen ist

In den bisherigen Einträgen habe ich mich stark auf den Stilisierungsgrad als zentrale Stilmittel für Empathie und Glaubwürdigkeit konzentriert. Deshalb möchte ich in diesem Eintrag einen Schritt zurücktreten und die Frage stellen, wie Immersion in der Forschung überhaupt modelliert wird. Meine These lässt sich vereinfacht als Gleichung formulieren: Story + Animation + Sound + Stilisierung = Immersion. Der Stilisierungsgrad ist demnach nicht allein verantwortlich für Immersion, trägt aber einen Teil dazu bei.

Ein naheliegender Ausgangspunkt ist Janet Murrays klassische Definition aus Hamlet on the Holodeck. Murray beschreibt Immersion als das Gefühl, vollständig von einer anderen Realität umgeben zu sein und sich so stark auf eine Erzählung einzulassen, dass die eigene Umgebung aus dem Bewusstsein verschwindet. Wichtig an Murrays Definition ist, dass sie Immersion explizit an das Eintauchen in eine Geschichte koppelt. Das deckt sich mit dem “Story”-Term meiner Gleichung: Selbst die aufwendigste visuelle Gestaltung entfaltet ihre volle immersive Wirkung erst im Zusammenspiel mit einer Erzählung, die das Publikum emotional bindet.

Differenzierter wird das Konzept bei Ermi und Mäyrä, die in ihrem SCI-Modell drei Teilarten von Immersion unterscheiden: sensorische Immersion (ausgelöst durch audiovisuelle Reize wie Bild- und Tonqualität), herausforderungsbasierte Immersion (das Gefühl, das bei einer passenden Balance zwischen Fähigkeiten und Anforderungen entsteht) und imaginative Immersion (das Eintauchen in eine Geschichte und die Identifikation mit Figuren). Für Animationsfilme lässt sich der herausforderungsbasierte Anteil zwar kaum übertragen, doch die anderen beiden Komponenten passen sehr gut zu meiner Gleichung. Die sensorische Immersion entspricht in etwa der Summe aus Animation, Sound und Stilisierung, während die imaginative Immersion dem Story-Anteil entspricht. Der Grundgedanke von dem Modell ist, dass Immersion grundsätzlich mehrdimensional ist, kein einzelner Faktor allein erklärt das Phänomen vollständig, sondern erst deren Zusammenwirken. Das heißt, dass ich den Stilisierungsgrad nicht als alleinige unabhängige Variable behandeln darf, sondern als eine von mehreren Faktoren, die gemeinsam die Immersion vermitteln und darüber auch die wahrgenommene emotionale Intensität und Glaubwürdigkeit beeinflussen. Für später bedeutet das konkret, dass ich Story, Animationsqualität (Bewegungsführung, Timing) und Sounddesign zwischen meinen Stilisierungsbedingungen möglichst konstant halten muss, um den Effekt der Stilisierung überhaupt isoliert messen zu können, ansonsten laufe ich Gefahr, Effekte fälschlich der Stilisierung zuzuschreiben, die eigentlich aus dem Sounddesign oder der Erzählstruktur stammen.

Quellenangabe:

Murray, J. H. (1997). Hamlet on the Holodeck: The Future of Narrative in Cyberspace. New York: Free Press.

Ermi, L., & Mäyrä, F. (2005). Fundamental components of the gameplay experience: Analysing immersion. In Proceedings of DiGRA 2005: Changing Views – Worlds in Play. Vancouver: Digital Games Research Association.

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