Drive to Survive, Break Point, Quaterback und viele mehr: Mittlerweile gibt es unzählige Sportdokumentationen als Serie oder Film auf Streamingplattformen zu sehen. Durch sie wurde nicht nur mehr Interesse an Sportarten erweckt, sondern auch immense Zuschauer:innenzahlen bei den Veranstaltungen generiert, wie es beispielsweise in der Formel 1 zu sehen ist. Dabei spielt vor allem eines eine zentrale Funktion: das Storytelling.
Die Narrativierung
Die Narrativierung, also der Prozess, Fakten und Ereignisse zu einer Geschichte zu machen, die Werte und Emotionen verbindet, stellt ein Schlüsselelement von Sportdokumentationen dar. Dabei gibt es vor allem eine ausschlaggebende Charakterisierung: Sportveranstaltungen sind immer bereits erzählt. Sportdokumentationen selbst werden medial vermittelt und eingebettet, so dass die Dokumentationen diese Erzählungen übernehmen und rekontextualisieren. Joshua Mailtsky, ein amerikanischer Professor an der Media School in Indiana, USA, formuliert fünf Kernthesen, die zeitgenössische Sportdokumentationen auszeichnen: Sport ist mit Kapital verbunden, visuell spektakulär, feiert individuelle Ausdrucksformen, ist bereits narrativisiert, und impliziert immer Medialität.
Die Narrativierung bei Sportdokumentationen funktioniert so, dass die bestehenden Sportereignisse als Ausgangspunkt genommen und durch filmische Mittel in mitreißende Erzählungen verwandelt werden. Diese können beispielsweise Auswahl, Sequenzierung, Kommentar oder ästhetische Hervorhebungen sein. Damit besteht die Funktion des Storytellings nicht nur in der Deskription, sondern auch in der Interpretation des Publikums. Narrative Strukturen vereinfachen Komplexität, schaffen Charaktere, Konflikte, Wendepunkte und damit Identifikations- und Reflexionsräume. Für Sportdokumentationen bedeutet das vor allem: Herausforderungen, Held:innen, Triumph, Sieg und Niederlage. Dies unterstützt auch die emotionale Einbindung des Publikums.
Der visuelle Aspekt
Ebenso wichtig ist die visuelle Gestaltung von Sportdokumentationen. Sport bietet von Natur aus visuelle Elemente – Bewegungen, physische Auftritte, Emotionen im Körper – und Dokumentarfilme greifen diese Qualität auf und verstärken sie beispielsweise durch Wiederholungen, Zeitlupe, Großaufnahmen etc. Auch im Sportjournalismus werden audiovisuelle Mittel bewusst eingesetzt: Musik, Bild- und Videomaterial, Animationen, Voice-Over. Diese Mittel verstärken die Erzählung und schaffen eine eindringliche Erlebnisebene für das Publikum.
Storytelling in Sportdokumentationen nutzt nicht nur die Narration im Sinne von Plot, sondern eben auch die visuelle Ebene, um das Publikum emotional zu erreichen.
Die Individualisierung
Ein dritter Aspekt beim Storytelling in Sportdokumentationen ist die Ausrichtung der Erzählperspektive auf individuelle Charaktere. Häufig funktionieren die Erzählungen dabei nicht nach strukturellen bzw. kollektiven Formen, sondern rücken eine Person zusammen mit ihrem Ausdruck, ihren Eigenarten und ihrem Charakter in den Fokus. Dadurch werden die Athlet:innen dem Publikum nähergebracht, was eine Identifikationsebene für dieses bietet. Außerdem werden sie so „gleich und doch anders“ dargestellt, was ihre menschliche Art und trotzdem die Einzigartigkeit durch das Ausüben des Sports zeigt. Diese Individualisierung hat mehrere Effekte: Sie emotionalisiert das Thema, schafft Identifikation und erleichtert narrative Klarheit. Gleichzeitig lädt sie aber auch dazu ein, die Athlet:innen als Symbole jenseits des Sports bzw. der Sportart darzustellen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Storytelling in Sportdokumentationen von der Spannung zwischen individuellen, persönlichen Geschichten und dem größeren Kontext lebt. Vor allem die Verletzlichkeit, Menschlichkeit, das Scheitern oder die Außenseiterrolle führen oft zu erzählerischen Verlaufsachsen und verleihen den Dokumentationen einen emotionalen Touch.
Die Medialität
Ein weiterer zentraler Aspekt des Storytellings bei Sportdokumentationen ist die Medialität. Wie bereits in den oberen Absätzen erwähnt, bestehen sportliche Ereignisse vor allem auch durch die Medien und Sportdokumentationen basieren auf deren Narration. Auch Malinsky sagte das: „Thinking about sport always entails thinking about and through media“. Ein Sportereignis wird nahezu immer von irgendeiner Form der Medien begleitet und durch sie vermittelt: Live-Übertragungen, Wiederholungen, Interviews in TV und Radio. Dokumentarfilme treten häufig mit diesem medialen Vorwissen in den Dialog, in dem sie mit Archivmaterial, Videos, Fernsehbildern und Interviews arbeiten. Dabei wird gleichzeitig auch der mediale Rahmen reflektiert, in dem Sport beobachtet und erinnert wird. Diese Medialität hat weitere positive Aspekte: Digitale Werkzeuge im Sport werden durch Medienkompetenzen, visuelle Narrationen und Multi-Modalität ergänzt, wodurch sie zu zentralen Bildungsdimensionen zum Beispiel für Studierende werden.
Zusammengefasst bedeutet dies also: Sportdokumentationen nehmen nicht nur eine Geschichte auf und erzählen sie dem Publikum. Sie reflektieren gleichzeitig, wie diese Geschichte medial repräsentiert wurde und auch wird. Dadurch wird eine Erzählung immer auch zu einer Medialisierung.
Fazit
Storytelling in Sportdokumentationen ist also viel mehr als nur eine Erzählung dessen, was passiert ist. Es umfasst die Strukturierung und Narration von Ereignissen, die visuelle Inszenierung und Ästhetik und auch die mediale Dynamik. Außerdem beinhaltet es den Fokus auf individuelle Charaktere und eine kritische und reflexive Einbettung in Medienkulturen durch die starke Medialität des Sports. All diese Aspekte wirken zusammen: Eine Sportdokumentation wählt, bewertet, inszeniert und schafft Bedeutung, indem sie die Sportereignisse in eine dramaturgische Form bringt. Die Körperlichkeit, die Sport mit sich bringt, wird in Bildsprache verwandelt, während Persönliches vergrößert und emotionalisiert wird. Durch den Konsum von Sportdokumentationen bekommt das Publikum nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine mediale Erzählung der Wahrheit durch die Reflexion der medialen Inhalte.
Quellen:
Malitsky, J. (2014): Knowing Sports: The Logic of the Contemporary Sports Documentary. Journal of Sport History, Vol. 41 (2), S. 205-214. https://people.southwestern.edu/~bednarb/capstone/capstone_materials/neal-reading.pdf
Matsiola, M.; Spiliopoulos, P.; Tsigilis, N. (2022): Digital Storytelling in Sports Narrations: Employing Audiovisual Tools in Sport Journalism Higher Education Course. Education Sciences, 12, 51. https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1324897.pdf
Brugar, K. A. (2016): 30 for 30: An Inquiry into Sports Documentaries to Engage in Social History. https://www.jstor.org/stable/24810478
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